„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Donnerstag, 6. September 2012

Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, Köln 2012

1. Gegenstand und Methode
2. Simulation und Evidenz
3. Kollaps der Kontexte
4. Lebenswelt: Grenzen der Digitalisierung

Ich hatte im gestrigen Post darauf hingewiesen, daß Bernhard Pörksen und Hanne Detel auf der Suche nach einem der Simulation unverdächtigen Realitätsprinzip ausgerechnet auf die Empörungsbereitschaft eines der Aufklärung zugänglichen und der Selbstkritik fähigen Publikums setzen. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.148, 164f.) Dabei wird von ihnen nicht mitreflektiert, daß sich dieses Publikum damit letztlich auf demselben Niveau bewegt wie der nach Skandalen süchtige Cybermob. Wieso aber glauben Pörksen/Detel überhaupt, so ein Realitätsprinzip zu benötigen?

Die Antwort ist natürlich, wie immer, vor allem eine ethische: aufgrund des von Pörksen/Detel diagnostizierten umfassenden Kontrollverlustes (vgl. Pörksen/Detel 2012, S.25, 38, 82, 194 u.ö.) produziert die digitale Kommunikation ihre Opfer. Und zwar allseitig: denn die anfänglichen Täter, also diejenigen, die, aus welchem Interesse auch immer, ‚Skandalvorschläge‘ ins Netz setzen, werden nur allzuleicht selbst zu Opfern ihrer Tat, weil sie die verschiedenen Kontexte, in denen diese Skandalvorschläge rezipiert werden, nicht mehr kontrollieren können. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.80-91) Bei diesen Kontexten kann es sich um politische und exekutive Machtformationen handeln, die die ‚Enthüller‘ strafrechtlich belangen (vgl. WikiLeaks (Pörksen/Detel 2012, S.82ff.)) oder um verschiedene Referenzrahmen, die die von den Folterern selbst digitalisierten Dokumente völlig anders bewerten (vgl. Abu Ghraib (Pörksen/Detel 2012, S.151ff.)). Die durch die Digitalisierung ermöglichte Leichtigkeit des Wechsels von Referenzrahmen und die damit verbundenen strafrechtlichen Konsequenzen waren für die Folterer in Abu Ghraib weder bewußt noch vorhersehbar gewesen.

Weil also die digitale Kommunikation aufgrund der fehlenden Kontextstabilität ständig ‚Opfer‘ erzeugt – wobei es hier jetzt weniger um die Schuldhaftigkeit der Opfer selbst geht, die auf einer Skala von Null bis 100 % reicht; denn jeder kann zum Opfer werden, ob prominent oder nicht prominent, ob Facebookmitglied oder nicht –, beharren Pörksen/Detel gegenüber Simulationstheoretikern wie Jean Beaudrillard darauf, daß es jenseits der virtuellen Welt eine Realität gibt, die uns nicht gleichgültig lassen kann. So hatte Beaudrillard den auf Fernsehmonitoren wie ein Videospiel ablaufenden ersten Irakkrieg als „eine große Produktion“ beschrieben, in der es „keine Kriterien für das Wahre und das Falsche“ mehr gebe. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.146) Als er eingeladen wurde, als Berichterstatter den Irakkrieg aus erster Hand mitzuerleben, lehnte er ab, weil ihn die Realität nicht interessiere. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.147)

Pörksen/Detel bezeichnen Beaudrillards Äußerungen mit aller begrüßenswerten Deutlichkeit als eine „intellektuelle Bankrotterklärung“ (vgl. ebenda), und sie beharren darauf, daß uns die im Internet verbreiteten Bilder von den Folteropfern von Abu Ghraib unmittelbar als eine Realität in Anspruch nehmen, der gegenüber auch überzeugte Simulationstheoretiker verstummen müßten: „Eine Bild- und Inszenierungskritik findet nicht statt. Zu massiv erscheint der Realitätseindruck, zu schockierend und obszön wirkt das Dargestellte. Es dominiert das reine, nackte Entsetzen. Kein Simulationstheoretiker meldet sich zu Wort.“ (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.164)

Dabei entgeht Pörksen/Detel, wie schon erwähnt, daß sie an dieser Stelle eine alternative „Gemeinschaft der Empörungswilligen“ (Pörksen/Detel 2012, S.112) schaffen, die sich in dieser Hinsicht vom Cybermob nicht unterscheidet. Die skandalsüchtige Empörungsbereitschaft des Medienpublikums wird jetzt aber dennoch zur universalisierten „Evidenzerfahrung“ aufgewertet. Die digitalisierten Dokumente bieten dem Medienpublikum die Möglichkeit, „sich affektiv (zu) emanzipieren und empören, weil es die Dimension des skandalisierten Geschehens selbstständig geprüft hat bzw. zumindest in die Lage versetzt wurde, dies zu tun.“ (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.100)

Wo also der Cybermob nur eine manipulierbare, gesichts- und verantwortungslose Masse bildet, die aus der Anonymität heraus auf Menschenfleischjagd geht (vgl. Pörksen/Detel, S.116), soll das von Pörksen/Detel angesprochene Medienpublikum im Umgang mit denselben digitalen Produkten zu mit „Augenzeugenschaft“ vergleichbaren Evidenzerfahrungen befähigt sein. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.148)

Dabei sind sich Pörksen/Detel aber durchaus unsicher, auf welcher Ebene sie die spezielle Evidenzhaltigkeit digitaler Kommunikation verorten sollen: denn Augenzeugenschaft ist sicherlich etwas anderes als Monitorpräsenz? Pörksen/Detel sprechen also etwas vorsichtiger von „Effekten der Augenzeugenschaft“ (Pörksen/Detel 2012, S.148). Mit dieser wichtigen Ergänzung bewegen wir uns aber nicht mehr im Bereich der unmittelbaren Augenzeugenschaft, sondern auf der Ebene arrangierter Augenzeugenschaft. Was das mediale Arrangieren von scheinbarer Augenzeugenschaft bedeutet, kann man bei Günther Anders nachlesen. (Vgl. meinen Post vom 24.01.2011) Wenn von „Effekten“ der Augenzeugenschaft die Rede ist, bewegen wir uns jedenfalls nicht mehr im Bereich der Realität, sondern der Simulation, – und damit haben wir also nach wie vor ein Realitätsproblem.

Pörksen/Detel sind sich dieser Problematik, wie gesagt, durchaus bewußt. Auch sie fragen sich, worin die genannten, unbestreitbaren Evidenzeffekte, die zu unserer moralischen Empörung über die Folterszenen führen, eigentlich genau bestehen. Letztlich machen sie sie an der Bildhaftigkeit der Foltervideos fest. Denn den ‚Bildern‘ eignet – anders als beschreibenden Texten – eine ganz eigene Transparenz auf die gemeinte Realität, so daß wir sie mit der Realität gleichsetzen und uns von ihnen auf eine Weise ‚beunruhigen‘ lassen, wie es Texte niemals könnten: „Nicht die Bilder selbst sind es, die empören und noch heute schockieren. Es ist, ganz unmittelbar, ganz direkt, die Realität des Gezeigten.“ (Pörksen/Detel 2012, S.165)

Was Pörksen/Detel dabei übersehen, ist, daß auch diese Bilder, wie Anders sagen würde, eine S/p-Struktur beinhalten (vgl. meinen Post vom 23.01.2011), also nicht etwa unmittelbare Wiedergaben der Realität darstellen, sondern Informationscharakter haben, und das heißt immer auch, daß sie die Realität verkürzen und arrangieren. Als Bilder machen sie aber diese S/p-Struktur vergessen, und genau das führt eben auch zu den von Pörksen/Detel beschriebenen Effekten der Augenzeugenschaft. Kurz gesagt: die von den Medien gelieferten Bilder stellen Simulationen dar, nicht mehr.

Letztlich kommen deshalb auch Pörksen/Detel nicht darum herum, weitere Kriterien für die Realitätshaltigkeit der digitalisierten Dokumente zu liefern. Zunächst argumentieren Pörksen/Detel ästhetisch: die empörenden Dokumente stammen meist von laienhaften Schnappschüssen, etwa den allgegenwärtigen Handys. Diese Laienhaftigkeit erzeugt nun zugleich den Eindruck der Authentizität: „Zum einen zeigen die Fotos und Videos eine eigene Ästhetik des Authentischen. Diese Ästhetik des Authentischen besteht – darin liegt die entscheidende Paradoxie – in ihrer Anti-Ästhetik. Den einzelnen Bildern fehlt die Anmutung der Perfektion, eben das lässt sie so echt, so real wirken.“ (Pörksen/Detel 2012, S.165) – Aber natürlich läßt sich auch Laienhaftigkeit und Perfektionslosigkeit simulieren. Auch hier haben wir es also mit keinem tauglichen Realitätskriterium zu tun.

Letztlich bleibt also nur die Vertrauenswürdigkeit der „Quellen“: „Beweiskraft erzeugt im digitalen Zeitalter eben nicht mehr allein und nicht mehr ausschließlich das leicht veränderbare Foto-Dokument. Es ist insbesondere die Glaubwürdigkeit der Quelle und die Autorität der Personen und Institutionen, die auf die Veröffentlichung reagieren, die zu entscheidenden Meta-Informationen werden.“ (Pörksen/Detel 2012, S.165) – Mit der Vertrauenswürdigkeit der Quellen sind wir aber beim guten alten Qualitätsjournalismus angelangt, ohne den es eben doch nicht geht und auf den ein medienkompetentes, aufklärungswilliges ‚Publikum‘ immer zurückgreifen wird, wenn es mit seiner berechtigten moralischen Empörung nicht allein gelassen werden will: „Guter Journalismus, der professionell recherchiert, Informationen auf ihre Faktizität hin verifiziert, Komplexität umsichtig reduziert und sich an einer nachvollziehbaren Hierarchie der Relevanzen orientiert, ist unverzichtbar.“ (Pörksen/Detel 2012, S.89)

Es ist also, bei Licht betrachtet, nicht viel, was von der von Pörksen/Detel angesprochenen „Universalisierung der Evidenzerfahrung“ (Pörksen/Detel 2012, S.100) übrigbleibt. Eigentlich sogar gar nichts. Denn von einer affektiven Emanzipation des Medienpublikums kann in keiner Weise die Rede sein. Dafür sind die technischen Medien auch von Anfang an nicht gedacht gewesen, weder die digitalen noch die analogen. Und das kann man so auch schon bei Friedrich Kittler lesen. (Vgl. u.a. meinen Post vom 30.04.2012)

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