„...letztlich ist der Mensch, als Folge oder Krönung der Evolution, nur in der Totalität der Erde begreifbar.“ (Leroi-Gourhan, Hand und Wort, S.22)

Freitag, 7. September 2012

Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, Köln 2012

1. Gegenstand und Methode
2. Simulation und Evidenz
3. Kollaps der Kontexte
4. Lebenswelt: Grenzen der Digitalisierung

Wenn Bernhard Pörksen und Hanne Detel als eine der Ursachen für den mit den digitalen Medien einhergehenden Kontrollverlust die fehlende Medienkompetenz nennen (vgl. Pörksen/Detel 2012, S.237), dann liegt diese vor allem in der eigenartigen „Medialitäts- und Situationsvergessenheit“ (Pörksen/Detel 2012, S.112, 234), dem fehlenden „Gespür für die Verwertungsbedingungen und die eigentlichen Merkmale des verwendeten Mediums“ (Pörksen/Detel 2012, S.185). Diese Medialitätsvergessenheit biildet nun aber nicht nur ein spezifisches Kennzeichen der Digitalisierung. Sie verweist noch auf einen anderen blinden Fleck unserer Aufmerksamkeit: auf die Lebenswelt, in der wir immer schon leben, ohne sie eigens zur Kenntnis zu nehmen.

Ich hatte schon an anderer Stelle festgehalten, daß es die Lebenswelt kennzeichnet, daß wir sie nicht von außen sehen können. Sie hat keinen Außenhorizont. (Vgl.u.a. meine Posts vom 05.02.2011 und vom 13.01.2012) Mit Blumenberg gesprochen ist der Mensch deshalb seiner anthropologischen Verfassung nach ein Höhlenbewohner. (Vgl. meine Posts vom 12.07.2012 und vom 13.07.2012) Deshalb kann man die Situation des Menschen im digitalen Zeitalter auch so darstellen, daß die von den digitalen Medien ausgehenden Gefahren eigentlich gar nicht von diesen Medien selbst ausgehen, sondern schon in seiner anthropologischen Verfassung begründet sind. Die Medialitätsblindheit ist letztlich nur Ausdruck der Unfähigkeit des Höhlenbewohners, sich aus seiner Höhle hinauszudenken; oder noch fundamentaler: seiner Unfähigkeit, sich seiner Situation als Höhle überhaupt bewußt zu sein.

Das „Zwiebelschalenuniversum“ (Blumenberg, „Höhlenausgänge“ (1989), S.812) beinhaltet nämlich eine Staffelung von ineinander geschachtelten ‚Höhlen‘: immer dort, wo ein Höhlenbewohner entsprechend dem Platonschen Höhlengleichnis seine Höhle verläßt, erwirbt er sich einen höheren Freiheitsgrad als den, der seinen in der Höhle verbleibenden Höhlengenossen zur Verfügung steht. Diesen höheren Freiheitsgrad habe ich in diesem Blog an mehreren Stellen als zweite Naivität beschrieben, in der uns unsere erste, lebensweltliche Naivität zum Werkzeug werden kann. (Vgl. meine Posts vom 14.12.2010, 24.01.2011, 25.03.2011, 21.02.2012, 15.05.2012) Damit entkommen wir aber der naiven Lebensweltbefangenheit keineswegs. Vielmehr befinden wir uns nur in einer neuen ‚Höhle‘, deren Höhlenartigkeit uns jetzt genauso wenig bewußt ist wie die jener Höhle, die wir gerade verlassen haben. Die Lebenswelt ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel immer schon da, egal, wohin wir uns auch wenden.

Es ist also letztlich dieser lebensweltliche blinde Fleck, der sich in der Medialitätsvergessenheit reproduziert. Die allgegenwärtigen digitalen Medien, allen voran das als Photoapparat und Videokamera taugliche Handy, suggerieren uns, daß wir uns außerhalb des real life befänden. Wir beteiligen uns via Internet an der Menschenjagd und fühlen uns dennoch durch die vier Wände unseres Zimmers geschützt: wir gehören nicht dazu. Wir photographieren mit der Digitalkamera Menschen in Konfliktsituationen oder – noch drastischer – die berühmt berüchtigten Folterszenen in Abu Ghraib und halten uns insgeheim für unbeteiligte Zuschauer oder gar für Dokumentarfilmer, die mit dem Geschehen nichts zu tun haben. Pörksen/Detel bezeichnen die Kamera deshalb auch als ein „Medium der schuldlosen Teilnahme“. (Vgl. Pörksen/Detel 2012, S.156)

Die Kamera suggeriert ihrem Benutzer, außerhalb des Geschehens zu stehen, dem Geschehen gegenüber zu stehen. Sie stellt einen technisch reproduzierten Außenhorizont zu allem dar, auf das sie gerichtet wird. Zugleich aber umfängt die lebensweltliche Dynamik des Geschehens den scheinbar außenstehenden Photographen/Kameramann von hinten her, so daß er sich plötzlich im Zentrum des Geschehens wiederfinden kann und die ganzen Konsequenzen mitzutragen hat: mitgefangen mitgehangen! Die Illusion der schuldlosen Teilnahme ist eine lebensweltliche Falle, die durch die digitalisierten Medien nicht erst geschaffen, sondern lediglich potenziert wird.

Das ist zugleich ihre Grenze: auch die digitalen Medien entkommen dem lebensweltlichen Zugriff nicht. Es gibt kein Außerhalb zum real life! – Dadurch stellt sich die in meinem Post zu Blumenberg vom 07.08.2010 vorgenommene Bestimmung des Verhältnisses von Lebenswelt und Technik doch etwas anders dar: nicht die technischen Umwelten kontrollieren die User, sondern niemand kontrolliert irgendetwas. Lebenswelt bleibt Lebenswelt.

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